Als ich das erste Mal auf Bowen war mit meiner deutschen Bekannten - also noch bevor ich hierher gezogen bin, hatten wir einen Wanderweg nicht genommen, weil mir mit meinen Schuhen, der weg mit dem Regen zu steil war (und der Weg nur für einigermaßen erfahrene Wanderer geeignet wäre). Heute bin ich dann also (mit denselben Schuhen) losgezogen, nachdem ich in Snug Cove eine Freundin verabschiedet habe, und habe den Cowan Point erkundet. Und ich muss zugeben, es war absolut easy und lächerlich, dass wir im November da nicht hochgelaufen sind. Aber da war dann wohl die Angst vor der freien Natur größer. Meinen Respekt vor den Bergen, dem Meer und dem wilden “Leben” hab ich zwar immer noch, aber ich bin mittlerweile viel naturverbundener und in Harmonie mit der Natur - anstatt sie als feindlich und gefährlich anzusehen. Es geht jetzt sogar soweit, dass ich mich über die Fähren aufregen kann, die das Meerwasser in der Bucht aufwirbeln und hier im stillen Bereich des “Pazifiks” die einzigen Wellen verursachen. Und dann kann ich auch die zur Zeit immer mal wieder auftretenden Delphine verstehen, die um die Fähre herumschwimmen, und sich wohl beschweren, dass dieses Fährenmonster soviel Wirbel im Howe Sound macht. Angeblich sind es ja Purpoise (also Schweinswale), wobei ich aufgrund ihrer Finne immer noch auf Delphine tippe. Aber wenn Delphine vor seiner Haustür leben, kann man sich echt nicht beschweren und dann ist auch die “richtige” Bezeichnung mühsig. Es sind clevere Meeres-Säugetiere, die in Massen (also teilweise so 20-40) im Sound nach Nahrung suchen. Ich finde das echt traumhaft. Und neulich hab ich dann sogar noch eine Seerobbe gesehen. Bowen Island bzw. die Meeresküste von B.C. hat wirklich soviel zu bieten und wahrscheinlich nennt sich die Provinz nicht ganz zu unrecht “The best place on earth”. Dieses kanadische Bundesland erdreistet sich also wirklich dem ganz offiziellen Motto folgend, der beste Platz auf Erden zu sein. Ich weiß, dass denken viele Bayern auch, aber es wäre dann national wohl schon etwas problematisch, das als das bayrische Bundeslandmotto festzulegen. Aber in Kanada geht ja alles und überhaupt sind die Dinge ja nicht so ernst und es wird schon gehen - irgendwie. Dafür ist man eben nett und freundlich zueinander, weniger direkt und ehrlich. Ich kann mich ja Gott sei Dank immer noch damit rausreden, dass ich ja eine Deutsche bin. Aber die kanadische Lebensweise und Einstellung zu anderen Menschen kommt mir schon sehr entgegen. Die wenigsten grummeln einen an und man drängelt auch nicht in der Supermarktschlange. Die Verbissenheit und die ewige Kritik an den anderen ist nicht so offensichtlich. Ich will jetzt nicht sagen, dass hier die besseren Menschen leben, aber sie sind oft toleranter uns weltoffener als z.B. in meiner Heimat. Klar liegt das daran, dass Kanada ein sehr junges Einwanderungsland ist und man eben viel mehr auf die Hilfe der anderen, wer auch immer die sind, angewiesen ist. Gleichfalls sind die Kanadier nicht so tief an ihrem Wohnort verwurzelt wie z.B. die Deutschen. Durchschnittlich wechselt ein Kanadier alle 5 Jahre sein Haus bzw. seinen Wohnort und zugegebenermaßen komme ich auf diesen Durchschnitt auch (also ich zähle jetzt Wohnungswechsel in derselben Stadt mit). Während man in Deutschland unter Seßhaftigkeit einen Ort versteht, den man wohl sein Leben lang nicht mehr verläßt, heißt das hier nur, dass man erst mal bleibt und dann weiterguckt, aber man plant nicht mit dem Ende des Lebens bzw. denkt nicht an die Behindertengerechtigkeit (für ein Leben im Alter) des ersten Hauses, weil man ja sowieso wahrscheinlich nochmal umzieht und in ein behindertengerechtes Haus kann man ja dann auch ziehen, wenn es soweit ist. In einem Haus für junge Leute werden wohl auch immer junge Leute leben, weil die alten rechtzeitig weiterziehen.
Gleichwohl bedeutet das für Freundschaften auch, dass man sich nicht so sehr auf zu wenige gute Freundschaften konzentriert, da es schnell passieren kann, dass die Leute weiterziehen und man sich neue suchen muß bzw. dass man selbst weiterzieht und in einer neuen Umgebung Kontakte knüpfen muss. Und letztendlich entspricht das dann wohl auch eher meinem Bild von Freundschaften, was aber auch daran liegen mag, dass ich durch und aufgrund meines Studiums viele räumliche Trennungen von superlieben Menschen hinnehmen musste und muss. Deshalb war es dann wohl auch meine Zeit, selbst hinauszuziehen und wegzugehen, um die Welt zu erkunden. Nun, die Welt hab ich nicht erkundet, aber ich habe diesen wundervollen Ort auf Erden gefunden, wo man so nahe an der Großstadt und der Natur gleichzeitig leben kann.
Das Leben bzw. Überleben auf der Insel ist zwar auch hart (besonders im Winter), aber trotzdem oder gerade deswegen hat man diese gewisse Leichtigkeit, Offenheit und Freundlichkeit.
Und so endet dann einer der letzten Tag auf der Insel so ähnlich wie es angefangen hat - mit einer vegatarischen Party (Veggie-Potluck) - diesmal mit dem Thema “traditionell amerikanisch”.
Es waren zum Großteil wieder diesselben Leute da, wie vor einigen Monaten, mit dem Unterschied, dass ich damals die meisten NICHT kannte und ich nun, die meisten zumindest vom sehen kenne. Schliesslich war es auch dort, wo ich meine jetztigen besten kanadischen Freunde kennengelernt habe und so schließt sich dann der Kreis meines Bowen Abenteuers.
Die Koffer sind fast fertig gepackt, fast alle Tickets für die Weiterfahrt sind gekauft und ich habe doch tatsächlich mehr Ahnung davon wie es in der nahen Zukunft weitergeht als ich es bei meiner Abreise aus Deutschland hatte. Aber das wird noch nicht verraten (also an diejenigen, die es nicht sowieso schon wissen). Es wird auf jedenfall spannend (also für mich) und ereignisreich.
Drückt mir die Daumen, dass alles klappt!!!
LG, Eure Alex