Am Ende des letzten Monats ist meine japanische Mitbewohnerin ausgezogen. Sie wollte noch eine Woche nach New York verbringen und dann wieder nach Hause fliegen (nach Japan - in die Heimat). Sie war ein ganzes Jahr in Kanada und hat viel Englisch, aber auch vor allem viel über die westliche Kultur gelernt. Gleichfalls habe ich erfahren dürfen, dass Japaner teilweise bis ins Teenageralter im Schlafzimmer der Eltern schlafen und dass es selbstverständlich ist, wenn die Mutter der über 20 Jährigen Tochter das Frühstück, ein Lunchpaket, das Abendessen (und natürlich die Wäsche etc) macht. “Ihr seid alle so selbstständig”, meinte sie erstaunt zu mir.
Selbstständig? Wirklich? Nun, ich wurde eigentlich nie gezwungen, meinen Willen, dem Willen einer Gruppe (oder einer Tradition) unterzuordnen und habe das kollektive Verhalten eigentlich nie wirklich nachvollziehen können. Insofern habe ich natürlich den eigenen Willen überhaupt ausbilden können, aber manchmal kann der eigene Wille dann doch ein Hindernis im eigenen Leben sein. Man ist dann so wie ein Hund und verbeißt sich in die Dinge, anstatt den Dingen ihren Lauf zu lassen und zu gucken, was sich so entwickelt und was so aufkommt.
Gerade nach so einem erschütternden (doppeldeutig) Erdbeben, das noch wer-weiß-was-für Folgen haben kann - für Japan und die Welt - ist es doch illusorisch zu denken, dass man als Mensch die Dinge jemals im Griff haben kann. Letztendlich sind wir doch alle nur diese winzigen Wesen auf dem kleinen Planeten in mitten des ungeheuer riesigen Rests des Universum, dessen Dimensionen so unvorstellbar sind, dass man sie kaum in Zahlen ausdrücken, geschweige denn jemals begreifen kann.
Was den Tsunami angeht, der für British Columbia angekündigt wurde (und der für Kalifornien wohl teilweise auch relativ hoch ausgefallen ist), kann ich nur sagen, dass man im Fernsehen von ein paar unmerklichen Zentimetern an der Westküste von Vancouver Island gesprochen hat.
Und hierzu noch ein geographischer Hinweis meiner eigenen Position. Bowen Island liegt im Howe Sound, geschützt vor dem Pazifik von der mehrere Hundert kilometerlangen und bergigen Insel Vancouver Island, die wohl sämtliche möglichen Tsunamis auf jeden Fall ab abfangen würde. Insofern braucht man sich um mich - so oder so - keine Gedanken machen, wenn es mal wieder eine Flutwelle geben sollte. Außerdem lebe ich ja mindestens 200 Treppenhöhe (also ca. 40 m Höhe über dem Meeresspiegel), so dass das Wasser nur schwer bis in mein Zimmer kommen könnte (wenn nicht gerade ein Wasserrohrbruch ist).
Aber ja, ich freue mich auch, dass wir alle wohlbehalten sind (und es tut mir leid, um all die, die nicht mehr unter uns (= Menschheit) sein können).
Ich hoffe, meiner ehemaligen Mitbewohnerin geht es gut, obwohl ich noch nichts von ihr gehört habe. Ich hatte mir noch gedacht, wie sehr sie die japanische Kultur wohl mit ihren neugewonnen individualistischen Eindrücken bereichern könnte, nachdem ich sie quasi gezwungen habe, beim gemeinsamen Kochen der japanischen Gerichte (Tempura) doch gefälligst die Chefrolle zu übernehmen und uns, die älteren Europäer- und Kanadierinnen, doch anzuweisen, was sie zu tun hätten.
Viele liebe Grüsse in die Welt!
Eure Alex