Heute vormittag habe ich bei bitterlicher Kälte (Es hatte an die 0°C) die Sonne genossen. Das kommt hier irgendwie immer zusammen. Entweder es regnet und ist mild oder es ist wunderschön und eiskalt. Aber wenn die Sonne dann scheint, ist es in der Sonne selbst auch wieder schön war. Ich bin an den Strand beim Senator Place gelaufen und habe also ein bisschen Vitamin D aufgebaut (besonders Leute, die sonst den ganzen Tag im Büro rumhocken und sonst keinen Auslauf bekommen, brauchen ja die Sonne oder Vitamin D Tabletten).
Abends hab ich dann wieder gekocht. Ich entwickle mich langsam wirklich zum Koch. Normalerweise bin ich ja immer nur die Nummer zwei also der Kochassistent. Aber ich koche mittlerweile so oft wie ich nur zu Zeiten gekocht habe, als ich mit einem exzellenten Koch (natürlich kein Koch, aber ein Koch und sogar noch ein Koch) zusammen war. Und angeblich schmeckt es den Leuten sogar.
Aber die kanadische Höflichkeit gebietet sowieso, dass man das Essen preist und den Koch lobt. Man findet nur selbst heraus, ob es den anderen geschmeckt hat, indem man selbst testet oder die anderen beim Essen beobachtet. Wenn gar keiner Nachschlag will, dann ist entweder der Nachtisch zu gut, die Portionen waren wirklich zu gross oder es ist was faul im Land des Essens.
So habe ich z.B. erst später herausgefunden, dass meine heiße Schokolade, die ich Bekannten angeboten habe, viel zu verdünnt war. Aber keiner hat es mir gesagt, weil man hier ja nicht soviel kritisiert. Und ehrlich… ich finde das sehr motivierend.
D.h. nämlich, dass ich meine Freunde dann öfters einlade und wenn sie kommen ist das dann ein Zeichen, dass das Essen nicht wirklich unerträglich grausam war, sondern eßbar. Vielleicht war das Essen nicht delikat und vielleicht auch nicht super, aber es war zumindest ein nahrhaftes Essen. Die Kanadier wissen das sehr zu schätzen und wir haben das neulich auch im kleinen Kreis diskutiert. Das negativste, das Kanadiern über die Lippen kommt ist wohl “Interessant”, was sagen will, dass es eigentlich schrecklich ist, man aber viel zu höflich ist, um das zu sagen. Aber ehrlich, warum muss man denn auch immer so schrecklich ehrlich und kritisierend sein?
Warum kann man nicht einfach vorgeben, dass die Dinge gut schmecken oder schön aussehen?
Neulich habe ich eine Hose probiert, eine dieser modernen hosenartigen Leggins und habe die Verkäuferin gefragt, ob ein Mädle mit meiner Statur sowas denn auch tragen kann. Und ganz elegant hat sich die Verkäuferin aus der Frage nach meinen dicken Oberschenkeln herausgeschlängelt und gemeint, dass ein solche Hose (mit viel Stretch) wohl besser ist als eine Jeans, in der man dann aussieht wie eine Wurst (sie hat das nicht wörtlich gesagt). Außerdem kann man ja die entsrpechenden Stellen verdecken…
Ich habe also jetzt auch eine moderne Hose, komme aber natürlich bei weitem nicht an die Teenies heran, die mit Größe 0 herumlaufen und denen man am liebsten gleich einen Schokoriegel oder eine Tüte Chips schenken möchte, weil sie so dürr sind.
Nein, nein, ich bin vollkommen zufrieden.
Wenn man nach echter Kritik fragt, bekommt man sie auch. Aber vielleicht nicht gerade während des Essens, sondern später im Zwiegespräch “Hätte ich ein bisschen weniger von XXX. reintunsollen?” - “Ja, vielleicht, aber es hat gut geschmeckt”.
Die Kanadier streben die Perfektion dementsprechend überhaupt nicht so sehr an und sie ist auch nicht so wichtig. Andere Dinge sind wichtiger, z.B. die Freundschaft und die soziale Interaktion.
Ein paar Kanadier meinen, das kommt daher, dass das Land so weitläufig ist und man darauf angewiesen ist, dass einen manchmal andere Leute aufnehmen und was zu essen geben (z.B. wenn man quer durch Kanada reist und etwas passiert) und man insofern gewöhnt ist, auch für einen geringeren Standard dankbar zu sein. Es kann aber auch daran liegen, dass sich die Kanadier öfters daheim treffen und dass jeder mal dran ist, der Gastgeber zu sein und man insofern nicht selbst kritisiert werden möchte.
Die Bekanntenkreise sind hier auch nicht unbedingt so festgezurrt wie in Deutschland - also meines Eindruckes nach. Durch die hohe Fluktuation und die vielen Umzüge hält man seinen Bekanntenkreis so flexibel und lädt jeden einfach irgendwann mal ein und wird im Gegenzug irgendwann von irgendjemand eingeladen. Klar hat man seine Buddies, die immer kommen, aber es kommen auch immer einige entferntere Bekannte.
Das mag aber alles auch nur mein grober Eindruck sein, den ich hier auf Bowen Island in meinen erste Wochen erhalten haben.
Die kanadische Freundlichkeit ist aber nun wirklich nicht von der Hand zu weisen und manchmal würde sich dann schon wünschen, es wären ein paar der kanadischen Mentalität in Deutschland, die dann doch eher die Vorteile und positiven Seiten sieht als die Kritik und das Fehlen der Prefektion. (und diesen letzten Rechtschreibfehler korrigiere ich jetzt mal absichtlich nicht, denn ihr wisst schon, was ich meine und das ist ja das eigentlich wichtige
Liebe Grüsse
Alex