“Soll ich Dich zur Fähre fahren?”
Ich war gerade im Aufbruch begriffen, weil ich nach Park Royal in West Vancouver fahren wollte, um ein paar Erledigungen zu machen. In Park Royal, einem riesigen weitläufigen Einkaufszentrum mit vielen, teilweise separierten Läden, gibt es eigentlich alles. Doch dazu später mehr.
Meine Vermieterin bot mir gerade an, mich zur Fähre zu fahren, da es ca. 30 Minuten dauert, bis man zu Fuß in Snug Cove angekommen ist.
Ich: “Nein, nein, mich nimmt schon jemand mit.”
Sie grinst: “Jetzt bist du eine echte Bowen-Islanderin!”
Auf Bowen fährt man nämlich vornehmlich per Anhalter, wenn man kein Auto hat. Und anfangs hatte ich davor richtig Schiss, denn per Anhalter fahren ist bisher in meinem Leben noch nie wirklich “nötig” geschweige denn freiwillig angestrebt worden.
Der Weg zur Fähre sind auch nur 5 Minuten mit dem Auto und insofern ist es wirklich absolut ungefährlich, hier per Anhalter zu fahren. Und es nehmen einen auch alle Autos mit. Bisher bin ich immer mit netten älteren Damen mitgefahren, die mich auch bis zur Fähre gebracht haben. Das ist hier wirklich das normalste der Welt. Was soll man auch sonst machen?
Am Anfang hatte ich ohne Auto ein bißchen Panik, weil man so aufgeschmissen ist, aber mittlerweile bin ich voll im Bowen Island Lebensstil eingerichtet.
Eine gute Stunde später bin ich dann im Einkaufszentrum angekommen. Und hier gibt es wirklich ALLES, also ALLES und das meine ich vor allem auch aus deutscher Sicht. Es gibt nämlich einen deutschen Metzger mit deutschem Brot und allerlei Original-Wurst aus Bayern. Wow… es schmeckt ganz wie daheim (also bis auf das Brot, das nicht ganz so frisch ist, wie bei uns vom Bäcker).
Maggi, Nutella und deutsche Süßigkeiten gibt es sowieso in fast jedem kanadischen Lebensmittelladen. Und heute habe ich sogar einen Kiosk mit deutschen Zeitungen entdeckt. Spiegel, Focus und allerlei Klatschblätter. Na, gut, die Zeitungen sind doppelt so teuer wie in Deutschland, aber ich befinde mich ja auch ein paar tausend Kilometer weit weg.
Esprit, H&M und allerlei andere mir aus Deutschland Markenshops gibt es natürlich auch. Und ich frage mich mittlerweile wirklich, was es hier nicht zu kaufen gibt. Na, gut, es gibt keine Milka-Schokolade (also zumindest nicht in einem normalen kanadischen Einkaufszentrum), aber man muss ja jetzt nicht kleinlich sein.
Die Spielwarenläden sind voll von Ravensburger Puzzlen (neben wenigen anderen Marken) und die Brettspiele sind mir fast alle auch in deutschen Versionen bekannt. Mein Moleskin Notizbuch gab es auch im Buchladen, genauso wie Reisenthel-Taschen. Globalisierung pur!
Man kann in Kanada leben, ohne auf irgendwelche “deutschen” Schnickschnacks verzichten zu müssen. Der grösste Unterschied ist wirklich, dass ich HIER bin und Du/Sie dort.
Aber letztendlich kann ich mir mit ein paar Dollars die Aufrechterhaltung meiner materiellen, deutschen Kultur erkaufen. Adaption zu kanadischer Schokolade, kanadischen Zeitungen, kanadischen Klamotten und kanadischen Lebensmitteln ist nicht oder nur sehr begrenzt notwendig. In Kanada kriegt jeder, was er will und darf so bleiben wie er will. Und irgendwie ist jeder auch ein Ausländer (also zumindest meist in der 2. oder 3. Generation).
Das Beste (für mich) kommt aber noch, denn auf die Frage, woher ich denn sei, kann ich immer brav “München” sagen (90% der Kanadier, die ich getroffen habe, waren schon einmal in München).
Und es ist keiner, der mich daraufhin blöd anmacht, weil ich kein bayrisch spreche, wie es mir in München ständig passiert. Ich muss niemandem erklären, warum ich ein fast perfektes Hochdeutsch spreche und ich muss mich nicht als nicht bayrisch-sprechende, jedoch gebürtige und abstammende Bayerin rechtfertigen. Ich bin einfach jemand mit einem komischen Akzent im Englischen, der sich wohl offensichtlich ein bisschen Deutsch anhört. Aber das ist hier nichts besonderes, weil die meisten hier irgendeinen komischen Akzent im Englischen haben.
“Manchmal”, sagt eine Bekannte, “vergesse ich total, dass Du viele Wörter nicht verstehst, weil du ein so gutes (= akzentfreies - Anmerkung der Redaktion) Englisch sprichst” als ich sie wieder mal verwirrt angucke, weil ich die Wörter, die sie verwendet, nicht kenne. (Aber der Vergleich findet hier statt mit dem Englisch von Asiaten und Südamerikanern - No offence, guys.)
Hier darf ich mit Stolz eine Deutsche sein, auch als temporäre Bowen-Islanderin.
Ich wünsche Dir einen schönen Tag in Deutschland, als Deutsche/r im Ausland oder als deutsch-verstehender Nicht-Deutscher (oder auch ein Übersetzungstool benutzender nicht deutsch-sprechender auf diesem Planeten (oder in dessen Orbit) befindlicher Nicht-Deutscher - Hab ich jemand vergessen? ;-)).
Liebe Grüße,
Eure Alex