Obwohl meine australische Mitbewohnerin gestern in Richtung Heimat ausgezogen ist und mir keine neue Stockbettparterin zugeteilt wurde, konnte ich nicht schlafen. Donnerstag war mein erstes Vorstellungsgespräch angesagt und irgendwie war ich dann doch nervös. Nach mehrmaligem Aufwachen hab ich mich dann um kurz nach 6 doch entschieden aufzustehen. Nach ein bisschen Internet-Surfen (Wo muss ich hin nach Whistler, wann geht der Bus, wie lange brauch ich zum Bus etc.?), duschen & aufstylen für das Vorstellungsgespräch (schwarze Hose, graue Bluse und lilanes Jacket) bin ich dann zum Frühstück und hab mich gezwungen, einen Bagel mit Aufstrich und Cornflakes zu essen und das, obwohl der Bagel superschwer im Magen liegt und man den ganzen Tag keinen Hunger mehr hat. Irgendwie kommt man beim Frühstück in diesem Hostel dann immer ins Ratschen und so habe ich mich mit (meinem ersten) französischsprachigen Kanadier, einem Internisten, wieder einmal verplaudert. Schliesslich habe ich mich dann doch mehr oder weniger freundlich losgerissen, hab in meinem Zimmer noch schnell meine Sachen in meinen Rucksack geworfen und bin dann los Richtung U-Bahn. Da ich noch keine Ahnung vom U-Bahn fahren hatte, war das ein kleines Abenteuer für sich, denn mir war nicht wirklich klar, ob man die Kurzfahrstrecke abstempeln muss oder nicht und so hab ich gebetet, dass man mich in den zwei Stationen zum Bahnhof nicht kontrolliert (Ja, ja, man hat hier schon schwerwiegende Probleme). Auf jeden Fall war ich kurz vor 9 am Busbahnhof. Die Dame am Schalter hatte mir gestern gesagt, dass ich früh dasein sollte, weil man sonst eventuell keinen guten Platz im Bus bekommen würde. Ich geh also um kurz nach 9 - nach einem Klogang natürlich - Richtung Busse zu einer Sicherheitskontrolleurin. Die schaut mich an und sagt: “Kommen Sie in einer halben Stunde wieder”. Irritiert ziehe ich wieder ab und komme eine halbe Stunde später wieder. Und da sitzen schon mehrere Leute vor der Bushaltestelle herum, der Bus ist aber noch nicht da. Viele haben eine Snowboardtasche dabei - schliesslich geht es ja nach Whistler, ins Skigebiet bzw. in die Berge. Ich setze mich neben ein Mädel, dass auch eine schwarze Hose und eine graue Bluse anhat. Dann schau ich mir nochmal den Fahrplan an. Whistler Creek X:00 Uhr, Whistler Village Ar. X:15, Whistler Village Lv. X:45. Was ist denn der Unterschied zwischen den ganzen Whistler Stationen? Ich hätte schon gedacht, dass ich nach Whistler Village will, aber Ar. oder Lv.? Wofür steht denn Ar. und Lv. ? Lv könnte ja irgendwie für “lower” stehen, aber was das bedeuten mag, weiß keiner. Und zwischen den beiden Stopps in Whistler sind auch noch 30 Minuten Unterschied. Insofern könnte es ganz schön blöd laufen, wenn ich bei der falschen Station aussteige, weil ich eigentlich schon eine Stunde nach der Ankunft mein Vorstellungsgespräch habe. Ich labere also das Mädle neben mir an: “Weißt du was der Unterschied zwischen Ar. und Lv. ist?”. Sie lacht: ” Das eine steht für Ankunft (Arrival), das andere für Leave (Abfahrt). Ich lache auch. Ich bin beruhigt. Sie war wohl schon mal in Whistler. Ich: “Kennst du Carleton Lodge?” Sie: “Nein, aber da muss ich auch hin.” Ich: “Für ein Vorstellungsgespräch?” Wir schauen uns beide an. Beide als einzige am Busbahnhof gestylt, mit schwarzer Hose und Bluse. Sie: “Ja, um 14:30″ Ich: “Ich hab meins um 14 Uhr” - wir lachen. “Whister Heli-Ski?” - “Ja, klar” Wie sich herausstellt, ist die nette Australierin auf die gleiche Stelle eingeladen wie ich. Aber es gibt 7 freie Stellen und insofern ermutigen wir uns gegenseitig, dass beide einen Job bekommen. Es ist nett und ich bin die gesamte Fahrt unterhalten. In Whistler werden wir von einem Bekannten von ihr abgeholt. Die Australier hier kennen echt Gott - und die Welt. Sie: “Willst du noch was essen?” Ich: “Eigentlich hab ich keinen Hunger …” Naja, ich habe noch eine ganze Stunde bis zu meinem Vorstellungsgespräch und ich gehe mit den beiden Burger-Essen. Ich entscheide mich für einen Truthahn-Burger, obwohl es auch einen German Burger, Schnitzel-Burger und Bratwurst gibt. Der junge Mann ist ein weltreisender Brite und gibt uns ein paar wertvolle Tipps für das Leben in Whistler. Dann bin ich dran. Es regnet und ich warte draußen vor dem Heliskiing Büro. Dann kommt die Interviewerin, in Jeans und Anorak. Ich bin total overdressed (What - the hell - is the German term for that?). Sie redet viel, erzählt mir einiges. Ich kann folgen, aber schaff es kaum zu antworten. Wir sind irgendwie nicht auf einer Wellenlänge. Sie: “Wie ist Dein französisch?” Ich druckse rum. Mein Französisch? Ich hab dummerweise angegeben, dass ich französisch kann, aber ich erinnere mich an den Sprachtest beim EPO damals, als ich knallhart am Französischtest gescheitert bin. Auf jeden Fall macht sie dann doch einen Haken hinter “Französisch”. Da werde ich wohl noch ein kurzes Lernprogramm einlegen müssen. Sie erzählt mir vom Heli-Skiing und stellt ein paar Fragen. “Any questions?” (Hab ich noch Fragen?) Ich überlege: “Darf ich denn auch mal mitfliegen?” Sie: “Klar, wir legen sogar Wert darauf, dass ihr unseren Kunden was von dem Produkt erzählen könnt, das ihr verkaufen sollt”. Ich: “Und bekomme ich einen Skipass, wenn ich hier arbeite?” Sie: “Ja, klar.” Super… geil… jetzt muss ich den Job nur noch bekommen. Es ist 14:25. Sie schmeisst mich mehr oder weniger raus…. “Wir melden uns am Dienstag”. Oh je…. das klingt gar nicht gut. Die Australierin wartet schon vor der Tür. Ich wünsch ihr noch viel Glück und ziehe im Regen ab Richtung Starbucks. Gut gelaufen ist was anderes.
Später treffe ich die Australierin wieder, wir fahren wieder zusammen heim. Sie baut mich auf. “Du warst so zuversichtlich auf dem Heimweg und jetzt bist du so negativ”. Wir ratschen noch die ganze Heimfahrt und ich bin wieder zuversichtlich. Die 3 Stunden hin und wieder zurück zu dem Vorstellungsgespräch waren nicht verschwendet.
Wenn man so nette Leute auf einer kurzen Reise nach Whistler kennenlernt, dann ist der Job nur ein Tropfen auf den heißen Stein.
Viel wichtiger ist, dass man feststellt, dass einem Australier viel ähnlicher sind, als man meint. Und dass es manchmal eben die ganz Fremden sind, die einen manchmal besser verstehen.
Working-Holiday Reisende sind alles getriebene Menschen, die die Welt erkunden (müssen), um sich selbst zu finden. Wish me luck!
Alles Liebe,
EURE ALEX