“Es gibt keine einfachen Lösungen für komplizierte Probleme. Man muss den Faden geduldig entwirren, damit er nicht reißt.” (Michail S. Gorbatschow)
Geduld ist eine Tugend. Manchmal fällt Geduld leicht, manchmal schwer. Wenn man z.B. weiß. wie lange Dinge dauern, dann bringt Ungeduld gar nichts. Wenn ich an meinem Computer eine Software installieren möchte, dann dauert das eben seine Zeit. Und wenn ich Wasser zum Kochen bringen möchte, dann geht das auch nicht schneller, wenn ich ungeduldig bin.
Doch was ist mit anderen Menschen? Wie geduldig/ungeduldig darf/kann man da sein?
Nun, Menschen denken nun mal (leider) unterschiedlich schnell (u.a. hängt das vom Alter ab). Insofern kann man aber nicht erwarten, dass andere auf gleiche Weise und gleich schnell denken, wie man selbst. Auch haben viele Menschen einfach eine ganz andere Zeitwahrnehmung. Da sind dann 10 Minuten Verspätung das normalste der Welt, während der andere nach 3 Minuten schon unruhig wird.
Es gibt hier aber auch kulturelle Unterschiede. Während in Deutschland Züge mit 3 Minuten Verspätung normalerweise noch als pünktlich eingeordnet werden, entschuldigt man sich z.B. in Japan schon für eine einzige Minute Verspätung (Das hängt natürlich in erster Linie auch mit der Menschenmasse zusammen, die in Japan täglich transportiert werden muss). Gleichzeitig stehen nämlich Japaner auch gerne 90 Minuten an, um den besten Kaffee zu trinken oder das berühmte Sushi-Restaurant (am Fischmarkt Tokyo) zu testen, obwohl 10 m weiter ein anderes Café/Restaurant mit eventuell geringfügig schlechterem Essen zu finden ist.
Neulich stand ich ausnahmeweise auch mal in einer ewig langen Schlange. Am 31.12. kurz vor 14 Uhr (das war der Ladenschluss am Silvestertag) in einem normalen Supermarkt. Die zwei parallelen Schlangen reichten quer durch den KOMPLETTEN Laden bis hin zur Fleischtheke (und es war jetzt kein KLEINER Supermarkt). Eigentlich wäre ich ja sofort wieder gegangen, aber da man sowieso nichts anderes vorhatte, entschied man sich, sich diese Ausnahmesituation anzutun. Rechts und Links der Schlange waren die “Ausreißer” aus der Schlange deutlich erkennbar. Überall lagen gefüllte Einkaufskörbe, Haufen mit Snacks oder Sekt und sonstige Waren neben der Schlange. Die meisten Dinge sammelten sich in der Mitte des Ladens (also, wenn man schon über 10 Minuten gewartet hatte und keine Lust mehr hatte, noch mindestens weitere 10 Minuten zu warten), während sich in der Nähe der Kassen die verwaisten Einkaufsprodukte langsam reduzierten. Auch bildete sich im Laufe der über 20 Minuten eine Schlangenpositionsidentität aus. D.h. im Laufe der Zeit gewöhnte man sich an seinen Vorder- und Hintermann in der Kassenschlange und verteidigte diese Position gegen sämtliche möglichen Vordrängler. Solcherlei gemeinsame “Schlangenidenität” führt auch gelegentlich zu sehr netten Unterhaltungen (zumindest bis zur Kasse).
Und wie war das nun mit der Geduld?
Nun, neben der grossen Zahl der Ausreisser, die von ihrer Ungeduld durch den Nichtbesitz der Waren am letzten bzw. ersten Tag des Jahres bestraft wurden, konnten sich die restlichen Einkäufer auf ihre Existenz in der Schlange einlassen. Die zunehmende Identifizierung als Mitglied der Schlange führte auch dazu, dass die Zeit kurzweilig gestaltet werden konnte und kaum noch Geduld notwendig war, um durchzuhalten.
Geduld ist also in erster Linie eine Tugend, die notwendig ist, wenn man zeitlich unter Druck steht und die Zeit nicht einschätzen kann oder einfach nicht warten will. Allerdings brauchen die Dinge in den allermeisten Fällen ihre Zeit…. LEIDER.
LG, Eure Alex